Von der Blumenstraße über die Hermann-Göring-Straße hin zur Friedrich-List-Straße – Das neue Projekt des Stadtarchivs: eine stadtgeschichtliche Aufarbeitung der Böblinger Straßennamen

Welche heutigen Straßen trugen zwischen 1933 und 1945 den Namen Adolf-Hitler-Straße? Wie kam es dazu, dass die Blumenstraße von 1930 heute drei unterschiedliche Straßen umfasst?
 
Mit solchen Fragen befasst sich ein neues Forschungsprojekt des Stadtarchivs Böblingen, das im April 2026 gestartet ist. Nach dem kürzlich veröffentlichten Projekt „Jüdische Biografien in Böblingen (1880–1945)“, das auf der Website stadtgeschichte.boeblingen.de als frei zugängliches Themenmodul bereitsteht, richtet sich der Blick nun auf einen weiteren zentralen Aspekt der Böblinger Stadtgeschichte: die Entwicklung der Straßennamen.
 
Welche historischen Straßennamen fanden sich vormals in Böblingen, wann sind sie aus unserem Stadtbild verschwunden? Welche (Um-)Benennungen wurden vorgenommen?  Welche Zusammenhänge zeigen sich in der Wahl einzelner Straßennamen und dem jeweiligen Zeitgeist, der Böblingen damals prägte?

Straßennamen dienen nicht nur der Orientierung – sie sind auch Träger von Geschichte. Geografische Bezeichnungen sind schon seit dem 12. Jahrhundert überliefert. Als verständliche Ortsangabe dienten schon früh Begriffe wie „Kirchhof“ oder „Rathausplatz“. Nach Franziska Conrad bieten Straßennamen aber auch die Möglichkeit, Geschichte(n) einer Stadt und Teile ihres politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Ebers Erbes zu archivieren und nach innen und außen zu kommunizieren. Straßennamen spiegeln so die Themen, die seinerzeit für wichtig erachtet wurden und veranschaulichen den herrschenden Zeitgeist. Der Erziehungs- und Sozialwissenschaftler Matthias Martens beschreibt sie treffend als „verfestigte kollektive Erinnerung“, in der Bedeutung und Symbolgehalt im Namen zusammenfließen. Die Böblinger Siedlung „Tannenberg“ verdeutlichte den damaligen Böblingerinnen und Böblingern eindrücklich die lebendige Erinnerung an die siegreiche Schlacht bei Tannenberg im Ersten Weltkrieg – und nicht etwa die geografische Nähe zum Schönbuch.

Straßennamen - von der räumlichen Beschreibung zur Ehrung

Seit dem frühen 19. Jahrhundert wandelte sich die Praxis der Straßenbenennung grundlegend: Unter dem Eindruck der napoleonischen Zeit traten an die Stelle rein beschreibender Bezeichnungen – „Kirchhof“ als der wortwörtliche Platz vor der Kirche – zunehmend Ehrungen von Persönlichkeiten und Ereignissen. Schlachtorte wie Leipzig wurden auf Straßenschildern verewigt, eine Entwicklung, die die vielbeschworene Erbfeindschaft zu Frankreich des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts widerspiegelt. Straßennamen wurden zu bewussten politischen Markierungen – ein Phänomen, das der Historiker Rainer Pöppinghege als „politische Zeichensetzung“ charakterisiert. Nach der Revolution 1918 wurden Straßen nach verstorbenen demokratischen Repräsentanten oder nach der Republik an sich benannt. In Böblingen gab es so zum Beispiel um 1931 eine Weimarstraße, die nach 1933 wieder verschwand.
 
Historische Stadtpläne mit ihrer Vielzahl an eingetragenen Straßennamen eröffnen so ein dichtes Geflecht von Bezügen: Sie verbinden geografische Orientierung mit Erinnerung an Personen, Ereignisse und frühere Deutungen. Zugleich werden Brüche sichtbar – durch städtebaulichen Wandel, massive politische Umbrüche wie in der NS-Zeit oder schleichende gesellschaftliche Veränderungen. Auch der Zusammenschluss mit Dagersheim 1971 brachte diesbezüglich Herausforderungen, etwa im Umgang mit doppelt vorhandenen Straßennamen.

Das Böblinger Straßennamenprojekt

Das Böblinger Straßennamenprojekt verfolgt diese Entwicklungen anhand historischer Quellen und ordnet sie in ihre jeweiligen Zusammenhänge ein. Verantwortlich ist Samuel Schöll, der sein Studium der Geschichtswissenschaft an der Universität Tübingen im März 2026 mit dem Master of Arts abgeschlossen hat. Grundlage seiner Arbeit sind insbesondere Adressbücher, Gemeinderatsprotokolle sowie historische Karten und Stadtpläne, anhand derer Lage, Wandel und Datierung der historischen Straßen rekonstruiert werden.
 
Ziel des Projekts ist es, die heutigen Straßennamen Böblingens – einschließlich Dagersheims – systematisch in ihrer Entstehung und Entwicklung nachzuzeichnen und ihre historische Bedeutung zu erschließen. Wie spiegeln sich in den Straßennamen die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Prägungen ihrer Zeit? Zugleich werden verschwundene Namen dokumentiert: Seit wann existieren sie nicht mehr, warum wurden sie geändert, und welche historischen Kontexte lassen sich rekonstruieren?

Die Machtübernahme in Straßennamen

Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei auch den politisch motivierten Umbenennungen während der NS-Zeit. In vielen deutschen Städten wurden zentrale Verkehrsachsen nach 1933 demonstrativ in Adolf-Hitler-Straße umbenannt – häufig bisherige Hauptstraßen oder repräsentative Plätze. Diese Praxis war Teil einer gezielten symbolpolitischen Inszenierung: Durch die allgegenwärtige Präsenz des Namens im Alltag sollte Loyalität gegenüber dem Regime öffentlich sichtbar gemacht und ideologisch verankert werden. Die Umbenennungen – auch von Straßen, wie weiteren NS-Funktionären gewidmet waren – erfolgten meist rasch nach der Machtübernahme und wurden nach 1945 ebenso konsequent rückgängig gemacht. Auch in Böblingen wird aufgearbeitet, welche Straßen diese Namen trugen, wo sie sich im damaligen Stadtgefüge befanden und wie die Rückbenennungen konkret vollzogen wurden.
 
Untersucht wird zunächst der Zeitraum ab 1920, da mit den ersten offiziellen Adressbüchern eine neue und ergiebige Quellengattung vorliegt. Die Veröffentlichung der Ergebnisse ist für Oktober 2026 vorgesehen.

Erinnerungen gesucht – Straßennamen im Böblinger Volksmund

Das Projekt versteht sich zugleich als Angebot an die Stadtgesellschaft. Am Montag, 20. Juli 2026, lädt das Stadtarchiv um 18.30 Uhr zu einer Veranstaltung mit Kurzvortrag und Gespräch in den Großen Sitzungssaal des Neuen Rathauses ein (keine Anmeldung nötig). Interessierte erhalten dort Einblick in die laufende Forschung – und können eigene Erinnerungen einbringen: etwa daran, wie einzelne Straßen im Böblinger Sprachgebrauch einst genannt wurden.

Bild: Stadtplan von Böblingen 1967, ergänzt 1969 mit Markierung einzelner Stadtviertel.
Quelle: Stadt Böblingen / Stadtarchiv

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